Chicago 3c - Working for the Good Guys
Ich war fest entschlossen, mich bei meinem Vorstellungsgespraech mit Cummins zu amuesieren. Ich war sogar noch uninteressierter an einem Job bei dieser Firma, von der ich noch nie etwas gehoert hatte, als an einem Job bei Chrysler, wo ich zumindest eine Vorstellung von moeglichen Taetigkeiten hatte. Ich habe ja nicht umsonst knapp 10 Jahre in VW-Werknaehe gewohnt und die Haelfte der Zeit mit Elektrotechnikern zu tun gehabt.
Ich traf auf Matt, ein Manager um die 40 mit technischem Hintergrund und PhD. Er stellte mir keine einzige Frage, die nicht konkret mit dem Job zu tun hatte. Wir spielten also diesmal nicht das typische Vorstellungsgespraech-Spiel, dessen Regeln ich ablehne zu lernen. Zumindest im Moment noch, wo ich es mir leisten kann. Matt war nicht so lustig wie die beiden Ladies zuvor, war aber auch zum Glueck nicht komplett immun gegen meine Jokes, mit denen ich ja immer gerne das Eis zu brechen versuche. Die erste Frage war, was ich ueber Cummins wisse. Ich wusste, dass sie Motoren und Generatoren bauten. Er erzaehlte mir noch ein bisschen mehr ueber die Struktur der Firma, und in welcher Abteilung er sei, dieselbe Abteilung, fuer die er mich interessant fand. Wir sprachen ueber meinen Lebenslauf. Offenbar ist es ein richtiger Bonus, Materialwissenschaftler mit Chemie-Hintergrund zu sein. Mir war ja frueher nie so richtig klar, ob es vorteilhaft sei, von der Chemie zum Ingenieurwesen zu wechseln, aber fuer Industriejobs hat es sich jetzt als eine sehr gute Entscheidung erwiesen. Das Problem in der industriellen Forschung ist naemlich die Kommunikation zwischen (Natur-)Wissenschaftlern und Ingenieuren. Ja, da kann ich ein Lied von singen, waehrend meiner Promotion ist mir das doch auch bei der einen oder anderen Gelegenheit aufgefallen. Oder jeden Tag.
Ich habe bisher ausschliesslich mit optischen Glaesern gearbeitet. Daher fragte mich Matt, ob ich mich auch bei Corning beworben haette. Ich bestaetigte dies, und er meinte, dass das ja die perfekte Firma fuer meinen Lebenslauf sei, aber dass ich ja alternativ auch etwas komplett anderes machen koennte. Und ob diese Herausforderung nicht interessanter fuer mich sei. Bei ihm wuerde ich an Katalysatoren fuer Verbrennungsmotoren arbeiten. Das oeffnete mir ein wenig die Augen, denn bisher dachte ich, dass Firmen lieber Bewerber einstellen, die schon ein wenig ueber den zukuenftigen Job wissen und etwas Erfahrung auf dem Gebiet mitbringen. Aber nein, zumindest auf PhD-Level fuer Positionen in der Forschung/Entwicklung reicht es, wenn man zeigt, dass man wissenschaftlich forschen kann (= Publikationen), grob im richtigen Fachgebiet gearbeitet hat, motiviert und dann noch halbwegs sozialkompetent ist, worueber man ja im Vorstellungsgespraech einen Eindruck vermitteln kann. Alles andere kann man lernen. Das eroeffnet mir so viele Moeglichkeiten! Im Grunde kann ich jetzt fast ueberall in der Industrie arbeiten, denn Materialforschung gibt es in jeder groesseren Engineering-Firma.
Ich gab freimuetig zu, dass ich keine Ahnung haette, wie mein Job bei ihnen aussehen wuerde, dass ich nur Forschung an der Uni kenne, und dass ich aber durchaus offen fuer was Neues sei. Ausserdem sagte ich ihm noch, dass ich gerne fuer die good guys arbeiten wuerde, und ich noch nicht wuesste, ob Cummins dazugehoere. Ja, ernsthaft. Roxanne hat sich kaputt gelacht ueber meinen Idealismus, als ich ihr es spaeter erzaehlte.
Matt bat mich, ihn in ein paar Wochen anzurufen, wenn ich mehr ueber den Fortschritt meiner Bewerbungen bei Owens Corning und Corning wuesste und noch interessiert sei. Er gab mir seine Karte, obwohl er das wohl sonst nie taete. (Ich war neugierig und fragte, warum. Anscheinend ueberschwemmen ihn die Bewerber wohl mit E-mails) Habe ihm dann spaeter (mit schlechtem Gewissen) trotzdem eine Thank-You-Note gemailt, das macht man hier so.
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