Chicago 3b
Über Ohio hörte man in den letzten Tagen nichts Gutes. Zum einen hat dort wohl vor kurzem jemand Suizid begangen und vorher noch seine Sammlung an Tigern, Löwen, usw. “in die Freiheit” entlassen. Die wurden alle von der Polizei erschossen, bis auf einen Wolf und einen Affen, die sich bisher noch verstecken konnten. Außerdem gab es da noch diesen Vorfall mit den Amish-Leuten, bei dem eine Gruppe von Amish einen Familienvater (ebenfalls Amish) zu Hause aufgesucht und mit Gewalt seinen Bart abgeschnitten hat.
Nachrichten dieser Art schickt mir Sally zu, seit ich ihr vom anhaltenden Interesse der Firma Owens Corning berichtet habe. Die stellen nämlich eigentlich nur Amerikaner ein, da ihnen das Arbeitsvisum-Verfahren mit Ausländern zu mühselig ist. Sie fanden meinen Lebenslauf aber trotzdem so interessant, dass sie mir vorschlugen, mich für ein Jahr in die Pampa nach Ohio zu schicken und in dieser Zeit mein Visum zu sponsern, mich aber anschließend nach Südostfrankreich (nahe Lyon und Genf) zu versetzen. Nun habe ich mich mit ihnen für nächste Woche zum Telefoninterview verabredet. Das wird mein erstes echtes Jobinterview.
Die Jobinterviews in Chicago waren hingegen ein Witz.
Im Sinne von sehr lustig. Ich hatte weder Zeit noch war ich sonderlich motiviert mich vorzubereiten. Ich hatte ein wenig die Befürchtung, mich zu blamieren, und zu offensichtlich die Zeit meiner Interviewer zu verschwenden, aber auf der anderen Seite konnte ich diese einmalige Gelegenheit ein echtes Jobinterview zu üben natürlich nicht ausschlagen. Interview Nr. 1 war mit Chrysler. Tracy hatte dort am selben Tag auch schon ein Interview gehabt und ein anderes Mädel, dass ich kannte, ebenso. Ihnen wurden dieselben verhaltenspsychologische Fragen gestellt. Und welches Chrysler Auto sie am liebsten mögen. Ich ging also zum Chrysler-Stand, traf dort Sandy aus der Personalabteilung und Kathy aus der “Feature Planning Group”, was auch immer das heißt, zumindest schien sie mir von Fach zu sein. Sie stellten sich mir vor, und dann gingen wir zusammen in einen kleinen Interviewraum. Die beiden waren sehr gut gelaunt, und ich hatte fast das Gefühl, sie hätten schon den einen oder anderen Guten-Morgen-Sekt hinter sich. Wer weiß.
Sie stellten sich beide vor und erzählten jeweils ein bisschen was über ihren Lebenslauf. Ich erzählte ihnen gleich mal ungefragt, dass ich ja den Jeep ganz gerne mag. (Das einzige Auto von Chrysler, das ich auf der Straße erkennen würde.) Sie erklärten mir dann, dass sie ihren Kandidaten drei Fragen stellen würden, woraufhin ich sagte, dass ich das bereits wisse. Das fanden sie sehr amüsant und fragten, ob ich schon die Antworten vorbereitet hätte. Das war der Fall, so dass wir diesen Teil schnell abhaken konnten. Allerdings hatte ich mich nur halbherzig darauf vorbereitet, und bin wohl auch nicht übermäßig gut dabei weggekommen. Ein Beispiel: Ich sollte eine Situation beschreiben, in der ein Problem aufgetreten ist, und wie dieses dann gelöst wurde, bzw. was meine Rolle dabei war. Die anderen beiden Fragen waren ähnlich. Ich habe dann über experimentelle Schwierigkeiten im Labor berichtet, sowie über meine anfänglichen interkulturellen Probleme mit einem meiner Doktoranden. Man sollte sich natürlich eine Story aussuchen, in der man gut dasteht.
Wir plauderten dann noch ein wenig über mögliche Jobs, und an den Rest erinnere ich mich leider gar nicht mehr so detailliert. Ich glaube, sie wollten sich innerhalb von ein paar Wochen melden, falls sie etwas für mich hätten. Es war insgesamt eine sehr nette und lustige Atmosphäre, während der ich mich insgeheim selbst beobachten konnte, da ich wirklich nicht nervös war. Jetzt im Nachhinein würde ich sagen, dass ich mit mehr Vorbereitung einen besseren Eindruck hätte vermitteln können. Ich verhaspelte mich ein wenig bei der Frage, warum ich keine akademische Laufbahn verfolge. “Ist mir zu anstrengend” ist jedenfalls keine gute Antwort, das ist selbst mir klar. Ich denke nicht, dass sie meine “Bewerbung” weiterverfolgen werden.
Und morgen, in Chicago 3c, berichte ich über mein Vorstellungsgepräch mit Cummins.
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