Weiterbildung
Die Postdoc-Zeit sollte man nutzen, um sich weiterzubilden. Das ist aber nicht auf Fachliches beschränkt, im Gegenteil, und das hätte ich nicht erwartet.
Neben der Vertiefung und Verbreiterung meines Fachwissens und meiner experimentellen Erfahrung merke ich, dass mein Aufenthalt mich im Wesentlichen persönlich weiterbringt. Hier sind die Dinge, die ich in den letzten 10 Monaten (kennen-)gelernt habe:
Ich habe schon berichtet, dass ich das Laufen ausprobiert habe. Ich bin noch immer nicht so recht überzeugt, aber alleine die nette Umgebung in Princeton, der häufige Sonnenschein und der Ausblick aus meinem Bürofenster auf die vielen Läufer (mit knackigen Beinen und Hintern und freiem Oberkörper), die die Prospect Avenue entlangrennen, lassen mich doch häufig an meine schicken Laufschuhe im Schrank und meine schmissige Laufmusik denken. Sobald es wieder etwas länger hell ist, werde ich definitiv weitere Versuche wagen. Des weiteren habe ich mir Oberarmmuskeln erarbeitet, ein paar extrem alberne Sportkurse (Zumba, Bodyattack, Willpower&Grace) ausprobiert, und versuche mich jetzt im Pilates (gääähn), (Swing-)Tanzen und Squash, für das ich dauerhaft eine Squash-Partnerin gefunden habe. Das Gute an Squash ist übrigens, dass es sehr einfach ist, aber sehr anstrengend sein kann.
Andere Dinge, die mich hier weiterbilden, sind ein extrem gutes Seminar über das Schreiben wissenschaftlicher Veröffentlichungen und ein Mathekurs, der endlich die Lücken schließen soll, die ich mir durch meine regelmäßige Abwesenheit (geistig oder auch körperlich) damals in den Mathevorlesungen selbst zuzuschreiben habe.
Die englische Sprache: Nicht nur habe ich keine Probleme mit dem Tieee-Äitsch mehr, nein, ich spreche inzwischen auch ziemlich flüssig (außer mit dem Chef - warum ist das eigentlich so?), lerne fleißig weitere Phrasal Verbs, und werde im Sommer vermutlich einen Kurs für korrekte (amerikanisch-) englische Aussprache belegen. So etwas findet man wohl kaum in Deutschland.
Auf der kulturellen Seite habe ich mit der amerikanischen Äußerlichkeit gespielt (es gab da mal einen Post über Augenbrauen und Pediküre), gelernt, Automatikautos zu fahren (wenn sie denn jemand für mich anlässt - wie das geht, habe ich noch nicht herausgefunden), angemessenes Trinkgeld zu geben, Bier-Pong zu spielen, ansatzweise die Footballregeln zu verstehen und mit Stäbchen zu essen.
Suppe.
Und schließlich machen es die Amis einem unheimlich leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sobald man also seine durch gefühlt mangelhafte Sprachkenntnisse resultierenden Hemmungen überwunden hat, findet man an jeder Ecke jemanden zum Smalltalk. Anders als in Deutschland haben die wenigsten hier Angst, dass sie einen nie wieder loswerden, wenn sie auf ein Gespräch eingehen. Und jeder Smalltalk - egal ob in der Kneipe, bei Small World Coffee, im Supermarkt, mit dem Putzmann in der Uni - steigert die eigene Sprachsicherheit und das dazugehörige Selbstbewusstsein ein kleines bisschen. Ich hoffe, einiges von dieser neuen Offenheit für Fremde und für’s Fremde nach meiner Zeit hier mit nach Hause nehmen zu können.
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