Amerikanische Trinkspiele und Nackedeis


Ich bin ja eigentlich noch recht jung, aber seit meinem letzten Geburtstag fühle ich mich der 30 so gefährlich nah, dass ich mir alt vorkomme. Nun gibt es ja bekanntlich drei Strategien, sein wahres Alter zu vertuschen: Sich jugendlich kleiden, die Falten mit Makeup verspachteln oder mit Studenten abhängen.

Die erste Strategie war leider nicht erfolgreich. Mein Student assoziierte meinen Look zwar mit der Schuluniform der Mädels in seiner katholischen Grundschule, aber jünger fühlte ich mich dadurch auch nicht.

Die zweite Strategie ist in meinem Fall noch nicht anwendbar, und so machte ich mich auf, ein paar Studenten kennenzulernen. Ehe ich mich versah, landete ich auf einer Spontan-Party eines Maschbau-Grad-Students (entspricht in etwa einem Doktoranden) in seinem Häuschen auf dem Campus. In einem Anfall von geistiger Umnachtung erwähnte ich, dass es für Amerikaner keinen Sinn ergibt, mit Deutschen Trinkspiele zu spielen. Diese Herausforderung, welche gar nicht als solche gemeint war, ich hab ja nur einen gemeingültigen Fakt ausgesprochen, wurde angenommen, und ich fand mich im Kreis stehend wieder, im Rhythmus zum Lied “Thunderstruck” von ACDC nickend, und reihum solange Bier trinkend, bis das Wort “Thunder” zum nächstenmal fiel. Das Wort fällt recht oft, so dass in den meisten Fällen nur ein kleiner Schluck abfällt, aber ab und zu kommt eine längere Passage zwischen den Donnerschlägen, und derjenige, auf den diese fällt, kann sich glücklich schätzen, wenn er ein Miller Lite (so eine Art Pils mit Kribbelwasser verdünnt) erwischt hat. Oder unglücklich - je nach persönlicher Zielvorgabe.

Dies Spiel verjüngte mich um gefühlte 2 Monate, während alle anderen anfingen, sich wie 22-Jährige zu verhalten. Es folgten weitere, recht anspruchsvolle Trinkspiele, während denen weitere Regeln erfunden wurden. Zum Beispiel durfte man nicht mehr “trinken” oder “Drink” sagen, stattdessen Squirrel (Eichhörnchen). Ich vermute, das ging gegen mich, da sich die Amis gerne über Deutsche lustig machen, weil sie das Wort “Squirrel” nicht vernünftig aussprechen können und sich beim Versuch regelmäßig die Zunge verknoten. Rachsüchtig wie ich bin, hab ich dann die ganze Partygesellschaft die Choreographie zum Fliegerlied (“Und ich flieg, flieg, flieg, wie ein Flieger…”) mittanzen und mitsingen lassen. Ein bisschen Bewegung tat uns allen gut und machte uns noch mal 3 gefühlte Jahre jünger.

Die Studenten waren nun also zu jung, um Alkohol trinken zu dürfen, und dies führt ja bekanntlich zu verstärktem Alkoholkonsum (“binge drinking”). Einige unter euch kennen sicherlich das Spiel “Ich hab noch nie…”. Dies gibt es hier auch, und es heißt “Never have I ever…”. Klingt kompliziert, ist aber so. Grammatikalisch durchaus anspruchsvoll zu später Stunde.

Sehr beunruhigt war ich, als sich auf einmal alle männlichen Gäste bis auf die Unterhose auszogen und raus in den Schnee liefen - ich hatte verpasst, wie irgendwer irgendwen herausgefordert hatte. Zum Glück zogen sie sich danach wieder an. Dieser Gruppenzwang scheint hier sehr üblich zu sein und natürlich hab ich Fotos für euch geschossen - in großartiger Handy-Qualität (und wie immer großklickbar):




Zu guter Letzt wurde Chat-Roulette angeworfen. Ich kannte es vorher nicht, und liebe Eltern und Minderjährige, bitte lest hier nicht weiter!

Beim Chat-Roulette wird man übers Internet per Zufallsgenerator mit Menschen auf der ganzen Welt verbunden, und unterhält sich (“to chat”) dann per Videotelefonie mit denen. Meistens wohl nur für wenige Sekunden. Wenn die doof sind, klickt man sie weg, und bekommt die nächste Person auf den Schirm. Man sollte meinen, dass man so ja eine Menge interessanter Leute kennenlernen kann. Die meisten, die da mitspielen, sind aber entweder betrunken, Freaks oder betrunkene Freaks. Wie mir berichtet wurde, zeigen Mitspielende gerne mal ihre Geschlechtsteile vor, und freuen sich sehr über Zuschauer. Es gibt angeblich sogar ein Trinkspiel, welches auf Chat-Roulette basiert, und wann immer man einen Pns zu Gesicht bekommt, darf/muss man trinken.

Bevor es aber soweit kam, habe ich schnell nochmal das Fliegerlied angeworfen und damit alle wieder aus dem Cyberspace ins richtige Leben zurückgeholt. Jung und beschwingt ging es dann nach Haus, aber am nächsten Morgen fühlte ich mich dann doch eher wie 30.

Comments

It’s Miller time! :) - der Erich

haha das Chat-Roulette erinnert mich an einen ABend in Slains Castle wo eine maennlich tischrunde ploetzlich aufstand, ihre hosen runterlies und naja den rest verschweig ich - very disturbing.oh und ich möchte anonym bleiben - Anonymous

das hört sich doch aber nach einer lustigen Party an :)Ich verfüttere übrigens gerade die Bacon-Jelly-Beans aus deinem Paket an meine Kollegen, ich weiß nicht, ob das meiner Beliebtheit gut tut… So richtig begeistert war noch keiner, mir ist schon vom dran riechen übel… Aber das Institut ist ja groß ;-) - Kristina