Und was macht ihr so?
Bis vor drei Monaten fühlte ich mich immer ausreichend darüber informiert, was ihr so macht. Die wöchentlichen Kneipengänge, die Telefonate, diverse Feiern, Sport und vor allem Klatsch und Tratsch haben mich immer auf dem Laufenden gehalten.
Da das ja nun vorbei ist, und ich mich sozusagen von der Zivilisation Außenwelt abgeschnitten habe, muss mich auf unbestätigte Sekundärquellen verlassen. Zum Glück habe ich ja meine eigene kleine Welt in meinem Kopf und da geht so einiges:
Meine Eltern genießen die Sommerferien, dabei versteckt sich meine Mutti vor der Hitze im Haus, liest und spielt Gitarre oder Cello, während mein Vati schwarzbraun im Garten in der Sonne brutzelt und sich keine Gedanken darüber macht, wie er seine Schüler im nächsten Schuljahr quälen wird. Das ist ihm nämlich im Moment noch schnuppe. Nur zum Hardausee-Ausflug und zu Erdbeerbowle bei den Nachbarn lässt sich meine Mutti aus dem Haus locken. Ulli macht Motorrad-Ausflüge zur Ostsee und zeltet dort, Hannes zieht abends mit den Kollegen um Hamburgs Häuser. Ab und zu sitzen beide auch in ihren klimatisierten Büros und trinken Kaffee - oder arbeiten ein bisschen. Mathias repariert Generatoren in China, scheffelt dabei ordentlich Euros und lernt chinesischen Schnaps zu trinken.
Dirk schwebt auf Wolke 7 über Norddeutschland und geht nach all der Aufregung und Auszeichnung eine Runde beachen. Inga betreut ihre Kollegen und kommt dabei nicht zum Schreiben - trotzdem geht sie noch fleißig zum montags-Aerobic und ab und zu auch schwimmen - natürlich nicht zu oft, damit sie ihren Gatten beim Oberarmvergleich nicht beschämt. Wiebke hat runde Ergebnisse und kommt beim Schreiben ganz gut voran, sie findet es aber schade, dass sie die Mitglieder der Kneipenrunde nur noch selten sieht. Annika arbeitet 14 Stunden am Tag, vergisst dabei aber nicht das Volleyball-Training und soziale Verpflichtungen - schläft dafür halt weniger. Aber dafür hält ja Daniel die Wohnung tipptopp in Schuss und geht sonst mal hier und da zu einem Vorstellungsgespräch. Er findet es prima, sich nicht mehr um seine Diss kümmern zu müssen, aber so langsam hätte er ja doch schon mal ganz gerne einen Plan, was als nächstes kommt und wohin es ihn verschlägt. Grobi ist Dienstagsabends immer traurig, weil ich nicht zum Training komme und er sich immer mit diesen jungen, langbein- und -haarigen Hühnern einspielen muss, die aus ihren großen blauen Augen mit ehrfurchtsvollen Blicken bewundernd zu ihm aufschauen. Katharina versorgt ihre Biologen mit 1A-Analytik, wobei ihr der ganze Gen- und Zellkram aber weiterhin suspekt ist. Deswegen verschwindet sie lieber mal ein bisschen in die alte Heimat, Schottland. Kristina und Erich kommen noch immer regelmäßig mittwochsabends in die Kneipe und treffen dort manchmal Inga oder Thies und alle zwei Monate mal Martin, dem inzwischen mulmig wird, nun, da alle um ihn herum auf einmal ganz plötzlich promovieren wollen. Er will ja auch.
Ich habe also so meine Vorstellungen, aber das entschädigt mich nicht dafür, mit euch mittwochs kein Bier trinken gehen zu können, dienstagsabends den jungen Hühnern nicht zeigen zu können, wo der Hase läuft, euch am Wochenende nicht zufällig in der Stadt über den Weg zu laufen, euch nicht einfach mal abends anrufen zu können, weil ihr da alle tief und fest schlaft. Und das wollte ich einfach mal so gesagt haben. Wenn der Urlaub auch noch so schön ist, nach einer gewissen Zeit vermisst man doch das Zuhause.
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